Sich nicht daran gewöhnen – wenn Nachbarschaften verbrennen lassen

In Plauen im Vogtland fanden zum Jahreswechsel 2017/2018 zwei schwere Brandstiftungen statt. Zuerst brandte am 29.12.2017 ein Haus in der Trockentalstraße. Dort wohnten mehrheitlich Roma-Familien aus der Slowakei. 19 Personen wurden dabei verletzt. Zwei Frauen und ein fünf Jahre altes Kind wurden so schwer verletzt, dass sie in Lebensgefahr schwebten und auf der Intensivstation versorgt werden mussten. Anwohner*innen skandierten „Sieg Heil“, “lasst sie brennen” und attackierten Feuerwehrleute beim Einsatz. Es handelt sich um den Straftatbestand der besonders schweren Brandstiftung und des versuchten Mordes“ in einer Vielzahl von Fällen. Vorbeifahrende Jugendliche halfen den Hausbewohner*innen aus dem brennenden Haus. Die Polizeidirektion Zwickau hat einen vorerst Verdächtigen kurze Zeit später wieder frei gelassen. Derzeit gibt es keine Informationen zum Stand der Ermittlungen auch nicht hinsichtlich des Motivs.

Bei einem weiteren Brand in einer Immobilie des gleichen Eigentümers am 5. Februar in der Dürerstraße kamen zwei junge Punks ums Leben. Weitere Personen wurden verletzt, eine davon schwer. Unmittelbar danach wurde ein vermeintlicher Täter festgenommen, ihm werden versuchter Mord und besonders schwere Brandstiftung zur Last gelegt. Die Bewohner*innen des Hauses mussten evakuiert werden. Die vom ersten Brand in dieses Haus evakuierten Familien aus der Slowakei mussten zum zweiten Mal mit ihren Kindern aus einem brennenden Haus fliehen und Not versorgt werden. In Erinnerung an die ums Leben gekommene junge Mutter und den Bewohner der Dachgeschosswohnung fanden sich Freunde*innen und Familie zusammen und stellten Kerzen und Blumen in den Eingang des Brandhauses.

critique’n’act befragte die Antifaschischischen Gruppen des Vogtlands (agv) zu Plauen zwischen mörderischer Nachbarschaft, Gentrifizierung, Rassismus und dem III. Weg.

critique’n’act: Wir würden Euch zuerst bitten die Stadt Plauen zu charakterisieren.

Anna (agv): Plauen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine vergleichsweise reiche Stadt und Mittelpunkt der Textilindustrie sowie des Maschinenbaus. Innerhalb kürzester Zeit machte die Stadt eine Entwicklung vom unbedeutenden Provinznest zur Großstadt mit 120.000 Einwohner*innen durch. Dieser Höhepunkt war ungefähr 1914 erreicht – seitdem ging es schrittweise bergab. Erst ging die Textilindustrie im Zuge der Wirtschaftskrise, die dem 1. Weltkrieg voranging, krachen. Später hatte die Stadt eine finstere Rolle als wichtiger Spot für den Aufstieg der Nazis und Ort der Waffenproduktion, was sie zum Ziel alliierter Bombardements machte.
Nach dem 2. Weltkrieg lag Plauen am hintersten Rand der DDR und dümpelte weitestgehend bedeutungslos vor sich hin, war jedoch trotzdem Standort einiger wichtiger Industrien wie z.B. Maschinenbau, Textilindustrie und Stahlbau. Plauen hat also eine relativ lange Geschichte als Industriestadt hinter sich und ist seit 1990 von Deindustrialisierung betroffen.
Wie in ähnlichen Städten blieben nach 1990 die „blühenden Landschaften“ aus und viele Menschen, vor allem junge und gut ausgebildete, sahen sich gezwungen, wegzuziehen. Man muss aber hinzufügen, dass der Niedergang hier wesentlich weniger dramatisch ausfiel als in anderen mittelgroßen Städten – bedingt unter anderem durch die Nähe zu Westdeutschland. Seit etwa 2012 steigt die Zahl der Einwohner*innen wieder und ist aktuell bei ungefähr 66.000. Tatsächlich besagt die Statistik, dass es einen Zuzug junger Menschen, vor allem aus dem Umland gibt. Die Gründe liegen darin, dass es hier ein relativ großes kulturelles Angebot gibt – im Gegensatz zu noch kleineren Städten, wo alles privatisiert oder dichtgemacht wurde – sowie Bildungseinrichtungen wie eine Berufsakademie und Berufsschulen. Sozialstrukturell ist noch zu sagen, dass es sich um die „Billiglohnregion Sachsens“ handelt – mit einem hohen Anteil an Menschen, die in völlig prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Hier ist auch ein Generationskonflikt in Form von Lohngefälle von „alt“ nach „jung“ erkennbar. Mit den Niedriglöhnen hat die Lokalpolitik übrigens sogar Werbung für die Ansiedlung von Unternehmen gemacht.
Prostitution spielt in Plauen seit den 1990ern eine große Rolle. Konzentrierten sich die Arbeitsräume zunächst auf den Stadtteil Hammervorstadt, finden sie sich jetzt quer verteilt im Stadtgebiet an den Hauptverkehrsadern und deren Nebenstraßen, da diese meist günstig zu mieten sind. Aus einem Zeitungsbericht von 2013 geht hervor, dass es in Plauen rund 30 Gebäude und 70 Prostituierte gab. Heute dürften die Zahlen sicherlich noch höher liegen. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Straßenprostitution in tschechischen Grenzstädten 2014 verboten wurde. Nach Plauen kommen auch viele Freier aus Bayern, Thüringen und Tschechien.

Charlie (agv): Die Verbreitung von Drogen und Zwangsprostitution ist ebenfalls seit den frühen 1990er Jahren ein großes Thema – die grenznahe Lage spielt da sicherlich eine Rolle. Wobei wir, was die Drogen betrifft vorsichtig wären, denn dass die Menschen sich mit allen möglichen Substanzen selbst abschießen, kann nicht nur damit erklärt werden, dass es hier leichter erhältlich ist als woanders, sondern mit sozialen Problemen – dem kapitalistischen Leistungsdruck, Ausgrenzungsmechanismen und einer daraus folgenden krassen Desillusionierung. Die „Beschaffungskriminalität“ spielt in Plauen auf jeden Fall eine große Rolle und schlägt sich vor allem in Keller- und Wohnungseinbrüchen nieder.

critique’n’act: In welchem Teil der Stadt seid ihr politisch und sozial organisiert? Wo treibt Ihr Euch rum? Und wie bleibt ihr beieinander?

Anna (agv): Menschen aus unseren Zusammenhängen wohnen eigentlich in allen Plauener Stadtteilen. Projekte, die wir toll finden sind das Projekt Schuldenberg in der Südvorstadt und ein weiteres derzeit im Aufbau befindliches Hausprojekt, die SiStr26 in der Neundorfer Vorstadt. Zusätzlich zu den klassischen Politgruppen wie der agv und der Roten Hilfe experimentieren natürlich Menschen aus unseren Kreisen schon länger mit Ansätzen von Stadtteilarbeit, die ein solidarisches Miteinander unter den Bewohner*nnen und die gegenseitige Unterstützung von Kämpfen beinhalten. Wie das jetzt konkret aussieht, würde zu weit führen: Aber sowas wie sich gegenseitig zum Jobcenter begleiten, für Politveranstaltungen eine Kinderbetreuung anzubieten, Geflüchtete bei ihren täglichen Kämpfen nicht alleine dastehen zu lassen oder die privaten Verstrickungen in Reproduktionsarbeit aus der Anonymität der Kleinfamilie rausholen, ist ja schonmal ein Anfang, oder?

Bert (agv): Noch anzumerken wäre, dass wir die Kämpfe die wir führen nicht nur auf bestimmte Stadtteile beschränken, z.B. gab es Ende 2016 im Stadtteil Haselbrunn, der eher als rechter Stadtteil wahrgenommen wird, eine Antifademo, welche auch durch einige Bewohner*innen von Haselbrunn getragen wurde. Auch wenn die Nazis glauben, bzw. propagandistisch behaupten, dass ausnahmslos alle Teilnehmer*innen und Organisator*innen der Demo aus Leipzig kamen…

Charlie (agv): Was das beieinander bleiben angeht, spielt der alte Satz „Das private ist politisch“ eine Rolle. In dem Sinne, dass wir auch außerhalb konkreter politischer Veranstaltungen, Treffen und Kampagnen versuchen, aufeinander aufzupassen. So dass im grauen Alltag niemand unter die Räder kommt – egal ob es sich jetzt um Leistungs- und Verwertungsdruck, Repression oder Nazis handelt.

critique’n’act: In der Bericherstattung rund um die beiden schrecklichen Brandanschläge, bei denen viele Menschen verletzt und schwerverletzt wurden sowie zwei Menschen verbrannt sind, kam die Berichterstattung immer wieder auf Problem- oder Romaviertel zu sprechen. Was hat es damit auf sich?

Charlie (agv): Wie wir schon in unserem Gruppenstatement veröffentlichten: Es gibt kein Romaviertel! Es handelt sich um zwei heruntergekommene Mietshäuser, die – nicht ganz zufällig – im selben Stadtteil liegen. Die, sagen wir mal tendenziöse Berichterstattung von Freie Presse und Co. impliziert natürlich einen Zusammenhang zwischen den dort wohnenden Roma und den sozialen Problemen im Viertel, ohne dabei mit der Sprache – und damit dem eigenen Rassismus – herausrücken zu wollen. Strukturell gibt es da natürlich einen Zusammenhang, aber die Roma nicht Verursacher*innen, sondern Betroffene: Es handelt sich um Stadtviertel mit niedrigen Mieten. Durch die andernorts stattfindenden Verdrängungsprozesse, kommt es zur Konzentration „verdrängter“ Menschen in jenen Stadtvierteln. Ein vorsichtig gesagt mafiöser Vermieter kauft in Größenordnungen baufällige Immobilien in Plauen auf und packt sie, natürlich zu überteuerten Preisen, mit Menschen voll, die in der neoliberalen Leistungsgesellschaft als „sozial schwach“ etikettiert werden. Darunter sind neben Drogenabhängigen, Straßenpunks und Menschen, die aufgrund von Schulden oder Vorstrafen Probleme mit dem Wohnungsmarkt haben vor allem Roma aus EU-Ländern. Diese sind „billige Arbeitskräfte“ auf der einen oder anderen regionalen Baustelle oder anderweitig prekär beschäftigt. Auf diese Weise wird aus dem Elend ausgegrenzter Gruppen Kapital geschlagen. Wenn die slowakischen Roma nicht in Osteuropa von harter rassistischer Ausgrenzung betroffen wären, würden sie sich dann freiwillig diesen neofeudalen Ausbeutungsstrukturen in der ostdeutschen Provinz ausliefern?

critique’n’act: Massive Mietpreissteigerungen sind ein Phänomen der Großstädte. Laut der lokalen Berichterstattung, ist es selbst in Plauen, obwohl jede 6. Wohnung leer steht, schwierig Wohnraum zu bekommen. Müssen daher Arbeitsmigrant*innen, Punks und andere Arme bei diesem nebulösen Vermieter unterkommen? Ist es also auch in Plauen schon schwierig als Bezieher*in von Sozialleistungen oder prekär Beschäftigte eine Wohnung zu mieten?

Anna (agv): Der Leerstand ist in den letzten Jahren erheblich gesunken. Wir wissen nicht, ob die Zahl mit jeder sechsten Wohnung noch aktuell ist, aber die Statistik bezieht natürlich auch leerstehende Abrisshäuser mit ein. Wenn du also an einer Bundesstraße zehn einsturzgefährdete Altbauten am Stück hast, dann sind das in der Statistik schon hundert Wohnungen Leerstand, obwohl die ja wahrscheinlich schon seit DDR-Zeiten nicht mehr vermietet wurden. Abseits davon wird es schon „enger“, vor allem was die beliebteren Altbauviertel angeht. Die Bevölkerungszahl der Stadt steigt seit mehreren Jahren wieder leicht. Parallel dazu gibt es aber noch immer Abrisse von Wohnblocks, sprich eine künstliche Verknappung von Wohnraum. Als Bezieher*in von Sozialleistungen kommst du schon noch relativ einfach an eine Wohnung, jedoch zunehmend in „unbeliebteren“ Lagen – also Vierteln mit einer hohen Konzentration sozialer Probleme und mit bestehender Stigmatisierung – der gute alte Elfgeschosser. Wenn jedoch ein weiterer Faktor – „Randgruppe“, Migrationsgeschichte, Vorstrafen, Schulden etc. dazukommt, lehnen die meisten Vermieter*innen ab. Auch die städtische Wohnungsbaugesellschaft differenziert inzwischen offen zwischen „guten“ Gegenden, die saniert und mit sozial angesehenem Klientel belegt werden und einigen Blocks, die dann ausschließlich an „problematisch“ geltende Leute vermietet werden.

critique’n’act: Gilt das Phänomen der Aufwertung, Verdrängung und Gentrifizierung auch in Plauen und wie drückt es sich aus? Es trägt vermutlich ein anderes Gesicht als in den Großstädten?

Anna (agv): Wir vermuten, dass der kapitalistische Immobilienmarkt gar keinen Hype im eigentlichen Sinne mehr benötigt. Es reicht eine relativ „stabile“ Nachfrage an Wohnraum und das Vorhandensein eines halbwegs zahlungskräftigen Klientels, und schon bietet es sich für Investor*innen an, ihre Gewinne in den Immobiliensektor zu stecken. Wie oben bereits erwähnt: Trotz des Anstiegs der Einwohner*innenzahlen seit ein paar Jahren wurde der Wohnraum weiter künstlich verknappt. Das heißt, eine steigende Nachfrage trifft auf weniger Raum. Verstärkt wird das Phänomen dadurch, dass auch die Wohnungsbaugesellschaft Plauen inzwischen versucht, auf dem Luxussanierungsmarkt mitzuhalten – sie wandelt also billigen, teilsanierten Wohnraum in teuren Wohnraum um, während der billige Wohnraum wegsaniert oder gleich abgerissen wird. An manchen Häusern in Plauen kann der so genannte „strategische Leerstand“ nachgewiesen werden, um den lokalen Mietspiegel zu beeinflussen.
Natürlich ist die Knappheit an Wohnraum keineswegs mit Berlin oder anderen Großstädten vergleichbar. Aber auch hier wird es teurer und in bestimmten Vierteln findest du als Alleinerziehende*r, Migrant*in oder Geringverdiener*in keine Wohnung mehr. Somit setzt auch hier eine soziale Segregation ein – wir können sagen, dass die Funktionsweise des kapitalistischen Immobilienmarkts letztendlich auch hier dazu führt, dass bürgerliche, weiße Kleinfamilien unter sich bleiben und die „Anderen“ an den Stadtrand oder in „schwierige“ Wohnlagen gedrängt werden. Was die generelle Theorie der Gentrifzierung angeht, glauben wir, dass sie überarbeitet werden muss: Viel Leerstand und der Zuzug „junger Kreativer“ sind als Ausgangsbedingung gar nicht notwendig. Ist ein gewisses Potential an zukünftigen Mieter*innen für ein Altbauviertel abseh­bar, lohnt sich der Ankauf und die Entmietung oder Sanierung vorhandener Altbau­bestände. Dies führt – ganz ohne den vorherigen Prozess des Zuzugs junger, „alternativer“ Menschen – langfristig zur Verdrängung von Arbeiter*innen, Arbeitslosen und Migrant*innen aus „ihrem“ Stadtteil.

Charlie (agv): Verdrängung hat hier noch ein weiteres Gesicht: Ausgelöst durch eine Hetzkampagne der rechtskonservativen Tageszeitung „Freie Presse“ gegen vermeintliche „Kriminalität“ im Stadtzentrum, kommt es seit über einem Jahr regelmäßig zu Razzien durch schwerbewaffnete Polizeieinheiten in der Innenstadt. Meistens werden dann bei irgendjemandem Kleinstmengen an Gras gefunden, wahrscheinlich für den Eigenbedarf, was dann der Staatsanwaltschaft und Öffentlichkeit als Ermittlungserfolg verkauft wird. Von der Vertreibungspolitik sind hauptsächlich Migrant*Innen betroffen, weil die sich eben dort aufhalten und sich bisher nicht vertreiben lassen. Ziel von Polizei und Stadtpolitik ist aber, das klingt jetzt etwas drastisch, die „Säuberung“ der Innenstadt von Randgruppen. Dazu wird auch mal in die Trickkiste gegriffen und beispielsweise ein Drogenprozess gegen unliebsame Menschen inszeniert. Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter*innen sind sich da einig. Und da fallen bei einer Pressekonferenz solche Worte von der Polizeiführung wie: „Manche Menschen müssen endlich mal einsehen, dass sie in der Innenstadt nichts verloren haben.“
Solche Haltungen finden sich auch im aktiven Handeln der Polizei und spiegeln sich dabei durchaus auch in buchstäblich und bildlich unschönen Aktionen wie in der Sommerferienzeit 2015 wieder. Im Zuge der „Kriminalitätsprävention“ (aka Passkontrollen) durch die örtliche und überregionale Polizei – den Einsatzzug Zwickau wurde ein Migrant unmittelbar vor dem Rathaus buchstäblich bis auf die Unterhose und die Socken in der Öffenlichkeit „untersucht“. Darüber hinaus erhielten erst kurzlich Mitarbeiter*innen des Ordnungsamt Plauen die Berechtigungen polizeiliche Maßnahmen auszuüben. Ein neuer Versuch in dieser Richtung ist das Alkoholverbot im Innenstadtbereich, welches vermutlich in ein paar Wochen in Kraft tritt.

Bert (agv): Seit dem 24. März haben rassistische Polizeikontrollen eine neue Dimension erreicht. An diesem Tag versammelten sich angeblich 200 „aggressive Ausländer“ in der Innenstadt, was sich später als völlig haltlos heraus stellte. Während am 24. März „nur“ Platzverweise ausgesprochen wurden, ging man eine Woche später, im Nachgang zu einer rassistischen Kundgebung mit 300 Teilnehmer*innen, gleich zu einen Polizeikessel über. Im Kessel wurden hundert Migrant*innen kontrolliert und durchsucht. Seitdem kommt es täglich in der Innenstadt zu krasseren rassistischen Kontrollen.

critique’n’act: Wir haben jetzt einiges über gentrifizierte Viertel, Stadtpolitik und rassistische Polizeikontrollen gehört. Plauen hat aber auch ein Naziproblem: In welchen Stadtvierteln haben in Plauen die Nazis die Hegemonie übernommen und wie äußert sich das? Wo sind sie besonders aktiv und wo kann noch Widerspruch stattfinden? Überregional bekannt wurde die Winterhilfe des III. Wegs. Könnt ihr uns kurz erzählen, wo diese Anlaufstelle liegt und warum der III. Weg sich dort niedergelassen hat. Wie sieht es mit der Akzeptanz aus?

Anna (agv): Am präsentesten sind die Nazis in den beiden Stadtteilen Haselbrunn und Preißelpöhl. In Haselbrunn ist auch das selbsternannte „Bürgerbüro“ des III. Wegs, von dem aus diverse Aktionen wie eben diese Winterhilfe koordiniert werden. Beide Stadtteile haben zahlreiche rechte „Lifestyle“-Angebote, das aber schon seit einigen Jahren. Zu nennen wäre da ein Thor Steinar-Laden, der Fußballverein SpuBC, der unter seinen Spielern Nazis toleriert und eine sehr rechte Anhängerschaft hat, sowie mehrere Kneipen, von denen regelmäßig rechte Angriffe ausgingen und deren BetreiberInnen selbst Nazis sind.
Der Knackpunkt ist aber, dass die Hegemonie in diesen Stadtteilen sehr stark umkämpft ist – es ist eine propagandistische Strategie der Nazis, zu behaupten, dass sie die Vorherrschaft in diesen Gegenden haben. Faktisch gibt es aber auch dort Widerstand gegen rechte Umtriebe und Leute, die sich dort nicht den Nazis beugen bzw. sich nicht vertreiben lassen. Einen Großteil ihrer Macht beziehen organisierte Nazis erfahrungsgemäß daraus, dass sie Stadtteile zu „ihren Stadtteilen“ erklären – und nicht-rechte Menschen bekommen es dann mit der Angst zu tun, selbst wenn es nicht uneingeschränkt den Tatsachen entspricht. Widerspruch kann und muss überall stattfinden – auch in diesen Gegenden. Ein Schwerpunkt von Naziaktivitäten sind beide Viertel aber auf jeden Fall.

Bert (agv): Wie schon erwähnt können wir nicht von einer Hegemonie sprechen, Geflüchtete und alternative Menschen können sich ohne größere Probleme ebenfalls in diesen Stadteilen bewegen, wenn auch nicht in allen Lokalitäten. Am Anfang war das Büro des III. Wegs kaum frequentiert – inzwischen spielen die Nazis allerdings recht erfolgreich die soziale Karte mit Jugendabenden, kostenlosen Möbeln und Kleiderspenden, was offenbar im Stadtteil auch von einigen Anwohner*innen angenommen wird.

critique’n’act: Bei den Brandanschlägen haben die Nachbarschaften versagt. Zuerst riefen Nachbarn „lasst sie brennen“ und „Sieg Heil“. Danach wurde versucht, die letzten Habsehligkeiten einiger Familien aus der Slowakei aus dem Brandhaus zu klauen. Den Bewohner*innen der brennenden Häuser wurde in beiden Fällen von Menschen geholfen, die das Haus zufällig passierten und anhielten. Die Hilfe kam nicht aus den Nachbarhäusern bzw. ist uns nur ein Helfer aus der Nachbarschaft im Umfeld der Dürerstrasse bekannt. Die Nachbarn und Bauarbeiter sind den Brandopfern nicht zu Hilfe geeilt. Wie schätzt ihr das ein, sind diese Häuser als Häuser der Roma und Punks gebrandmarkt und verweigerten die Nachbarn deshalb die Hilfe? Seht ihr da rassistische und sozialdarwinistische oder politische Motive der Unterlassung von Hilfe?

Anna (agv): Ich sehe da klar rassistische und sozialdarwinistische Motive hinter der Verweigerung von Hilfe. Es gab ja auch Äußerungen einer älteren Anwohnerin, dass da nach dem Brand „endlich wieder Ruhe“ einkehren würde. Wahrscheinlich kommt zu den Vorurteilen und menschenfeindlichen Einstellungen noch die krassen Auswirkungen dieser neoliberalen Gesellschaft dazu: Nach dem Motto, die leben im Elend, da sind sie selber Schuld, jede*r muss selbst auf sich aufpassen, mir hilft ja auch niemand. Eine grundlegende Entsolidarisierung, selbst wenn es um Leben und Tod geht.

Bert (agv): Ja, die Bauarbeiter waren da, es handelte sich um zwei Dachdecker am Haus direkt nebenan, welche ohne zu helfen, einfach wieder runter gegangen sind, die Straßenseite wechselten und abwarteten. Erst eine zufällig auf dem Brand aufmerksam gewordene Person ging etwas später in das Haus und klingelte die Bewohner*innen aus ihren Wohnungen und half diesen zu fliehen.

critique’n’act: Wie können solidarische Nachbarschaften unterstützt werden? Was braucht es nach den Brandanschlägen jetzt in Plauen?

C. (agv): Zuerst müssen solidarische Nachbarschaften entstehen oder aufgebaut werden. Ein Anfang wäre, wenn die Menschen innerhalb einer Nachbarschaft, mit ihren verschiedenen Lebensmodellen und Lebensformen, Gemeinsamkeiten entdecken – auch in ihren täglichen Problemen. Dies kann vielleicht durch gemeinsame Straßenfeste oder bereits einem öffentlichen Kaffee- und Kuchentisch geschehen, wo Menschen ins Gespräch kommen. Wichtig wäre in jedem Fall der Vereinzelung entgegenzuwirken und Sympathien aufzubauen.

A. (agv): Nachbarschaftsinitiativen zu initiieren und diese mit politischen Inhalten zu füllen, wäre spannend. Weniger auf einer völlig abstrakten Ebene, sondern mit dem, was uns alle täglich betrifft. Es gibt ja lokal einige progressive Akteur*innen, die zum Beispiel in Jugendclubs oder der Sozialarbeit aktiv sind. Mit denen könnte gemeinsam Stadtteilarbeit erfolgen. Es ist schade, dass Aktivitäten im Stadtteil und politischer Aktivismus immer als etwas völlig verschiedenes betrachtet wird – vor allem innerhalb der Linken. Die Leute in den Vierteln werden so als „Schöner Wohnen“-Aktivist*innen abgestempelt und die radikale Linke macht das, „was wirklich zählt“. Auf die Weise wird es schwierig, sich kennenzulernen.

Charlie (agv): Wobei in einigen Teilen der radikalen Linken gerade da ein Umdenken stattfindet und es bundesweit viele spannende Ansätze gibt.

Anna (agv): Und wo diese Ansätze praktiziert werden, funktionieren sie anscheinend ganz gut.

critique’n’act: Habt ihr eine Erklärung wie dieses Klima entstanden ist, dass Menschen Verbrennenden nicht helfen? Wie entsteht ein so unsoldiarisches Umfeld?

Anna (agv): Wenn die Gesellschaft die komplette Verantwortung für soziale Probleme den Individuen in die Schuhe schiebt, nach dem Motto „du hast versagt“, dann sind natürlich auch immer „die anderen“ selbst Schuld für ihr Elend. Menschen, die selbst von prekärsten Verhältnissen betroffen sind, bilden da in der Regel keine Ausnahme. Ich finde, dass dies jahrelang propagandistisch massiv vorangetrieben wurde . Von Mitte bis Rechts sind sich immer alle einig, dass der „Wohlstand“ nicht für alle reichen würde. Und so wurde die Konkurrenz um die immer knapper bemessenen „Reste“, die einem der Kapitalismus übrig lässt, vorangetrieben. Only the fittest survive, auch ganz unten. Die Ursachen für unsolidarisches Verhalten und menschenverachtende Einstellungen, die sich dann in Vorfällen wie diesen äußern, in „mangelnder Bildung der Unterschicht“ zu suchen, halte ich für Schwachsinn – schließlich entspricht diese Entsolidarisierung ja schon dem erwünschten Menschenbild im Neoliberalismus. Mit dem Argument „die sind eben rassistisch“ spricht sich die Gesellschaft immer ganz gut von einer Mitverantwortung frei. Das ist vermutlich auch nur ein Teil einer Erklärung, aber diese absolute Verrohung als Bedingung dafür, dass sowas überhaupt möglich ist, hängt für mich auf jeden Fall mit einem solchen gesellschaftlichen Klima zusammen. Das soll auf keinen Fall den zugrunde liegenden Rassismus und Antiromaismus relativiert. Der wurde aber ja von der Mehrheitsgesellschaft ebenfalls mehr bestärkt als bekämpft. Das ist alles nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern verstärkt sich vielmehr gegenseitig und kommt dann in dramatischen Ereignissen wie diesen zum Tragen.

critique’n’act: Vielen Dank für Eure Zeit und ausführlichen Antworten.

Interview mit agv – antifaschistische Gruppen des Vogtlands

Das Interview erscheint in einer gekürzten Fassung in analyse und kritik 638 vom 15. Mai 2018